Entscheidungsfindung in Der Selbstorganisation - Machen alle was sie wollen?

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Oft hören wir die Frage: “Aber wer entscheidet in selbstorganisierten Teams? Dauert das nicht ewig?” Die Frage zur Entscheidungen in der Selbstorganisation bringt viele Vorurteile mit sich. Die erste und wohl abschreckendste Idee ist, dass immer alles demokratisch im Konsens entschieden werden muss. Das zweite Horrorszenario ist, dass es niemanden gibt, der entscheidet, vor allem nicht, wenn eine unbequeme Entscheidung getroffen werden muss.

Das sind natürlich nicht Vorurteile und abschreckende Fantasien. In der Selbstorganisation gibt es viele Möglichkeiten zu einer Entscheidung zu kommen. Dabei ist auch von vornherein klar, welche Methode sich auf welche Situation anwenden lässt, so dass nicht lange diskutiert werden muss. Die Methode steht und wird sofort angewandt.

Wir wollen euch hier ein paar wichtige Methoden vorstellen.

Rolle - Expertenentscheidung

Eine Rolle übernimmt einen bestimmten Aufgabenbereich. Für diesen übernimmt sie die Verantwortung. Wenn eine Entscheidung in diesen Aufgabenbereich fällt, oder es eine immer wiederkehrende Entscheidung ist, wird die Entscheidung einfach an die verantwortliche Rolle, abgetreten werden. Da die Rolle Expert*in für diesen Bereich ist, weiß sie am besten, welche Entscheidung sinnvoll ist.

Fallentscheid

Fallentscheide gibt es immer dann, wenn eine unvorhergesehene Situation auftritt, die eine “neue Art” von Entscheidung mit sich bringt. Ein Beispiel könnte sein, wenn in einem Betrieb, in dem es sehr viel saisonales Geschäft gibt, in der Hochsaison die halbe Belegschaft ausfällt. Regulär (ohne Selbstorganisation) würde die Geschäftsführung unbegrenzte Mehrarbeit anordnen. In der Selbstorganisation würde die Geschäftsführung (GF) sich für eine Art des Fallentscheids entscheiden:

  • Beim eigenmächtigen Fallentscheid, trifft die GF sofort selbst und eigenmächtig die Entscheidung und trägt die Verantwortung ohne vorher die Legitimierung der anderen erhalten zu haben. Hierbei kann es sinnvoll sein, die Entscheidung - insbes. wenn diese größere Tragweite hat - später den Kolleg*innen zu erklären, um Vertrauen zu schaffen. Grundsätzlich wird in diesem Fall davon ausgegangen, dass die Entscheidung auf Basis gemeinsamer Werte getroffen wird.

  • Beim delegierten Fallentscheid wird die Entscheidung an eine andere Person abgegeben, die Verantwortung bleibt aber bei der delegierenden Person. Die GF könnte die Entscheidung beispielsweise an HR delegieren, da sie sie als kompetent und vertrauenswürdig erachtet, und davon überzeugt ist, dass HR “besser” entscheidet.

  • Bei einem beauftragten konsultativen Fallentscheid beauftragt die GF z.B. HR damit, den restlichen Kreis zu konsultieren und dann zu entscheiden. In der ersten Phase wird entschieden, wer konsultiert werden soll, in der zweiten wird entschieden. Diese Methode ähnelt dem Nemawashi-Prinzip von Toyota , welches in der Lean Umgebung genutzt wird.

Konsent

Ursprünglich kommt der Begriff Konsent aus der Soziokratie. Es ist, anders als der Konsens, keine Entscheidungsform, die Zustimmung abfragt, sondern Ablehnung ausschließt. Wenn niemand ein Argument (schwerwiegenden Einwand) gegen einen Vorschlag hat, gilt er als angenommen. Hier gilt das Prinzip: “safe enough to try”.

Beim Konsent-Verfahren sollte es eine kompetente Moderation geben. In diesem Prozess wird erst das Problem skizziert, dann Lösungsvorschläge eingeholt, wozu Verständnisfragen gestellt werden können. Danach werden dann die Meinungen abgefragt und letztendlich nach schwerwiegendem Einwand gefragt.

Vetoabfrage

Die Vetoabfrage ist im Prinzip ein Konsent im Schnelldurchlauf. Wenn es schon einen ganz konkreten Entscheidungsvorschlag gibt, wird hier einfach gefragt, ob es Einwände oder Vetos gibt. Falls dies nicht der Fall ist, wird der Vorschlag angenommen. Gibt es Einwände oder Vetos, wird wieder das Konsentverfahren angewendet.

Widerstandabfrage/ Systemisches Konsensieren

Widerstandsabfrage in der Praxis

Widerstandsabfrage in der Praxis

Die Widerstandsabfrage, auch systemisches Konsensieren genannt, kommt dem bekannten Konsens am nächsten, präzisiert diesen aber. Bei der Widerstandsmessung stellt sich die Frage wie stark die Teilnehmenden einen Vorschlag ablehnen. Hierbei geht es eher um eine emotionale Ablehnung und diese muss auch nicht argumentativ begründet werden. Bei einer Widerstandabfrage bewerten die Teilnehmenden verschiedene Vorschläge auf einer Skala von 0-10 (oder auch von 0-5), wobei 0=keinen Widerstand und 10= maximaler Widerstand bedeutet. Es ist sinnvoll auch die IST-Situation als Vorschlag dazu zu nehmen. Das Ziel ist es, eine Lösung zu finden, welche den geringsten Widerstand bei allen Beteiligten auslöst.

Entscheidungs-Jour fixe

Diese Art der Entscheidung stammt von dem Berliner Unternehmen Darkhorse. Bei diesem regelmäßigen Treffen entscheiden immer die, die da sind. Die Entscheidung selbst wird meist im Konsent-Verfahren getroffen. Allerdings gibt es hierbei gibt es drei Besonderheiten Prinzipien:

  1. Das Treffen findet regelmäßig statt (z.B. wöchentlich oder monatlich). Vorher können anstehende Entscheidungen auch asynchron gesammelt werden.

  2. Es dürfen nur die entscheiden, die anwesend sind.

  3. Die Entscheidung muss vor allen Abwesenden verantwortbar sein.

Allein die “Anwesenheit” verschiedener Entscheidungsmethoden reicht nicht aus, um tatsächlich schnell zu entscheiden. Die Grundvoraussetzung in jedem Unternehmen ist, dass jede*r immer weiß, nach welchem Verfahren in welchem Fall entschieden wird. Dazu muss man sich zu Beginn - wenn ein Team die Zusammenarbeit beginnt, oder auf Selbstorganisation umstellt - immer aufeinander einstellen und auch später immer wieder regelmäßig abstimmen, ob man nach den gleichen Grundsätzen verfährt.

Ein Weg, um diese anfängliche Unsicherheit aus dem Weg zu räumen könnte das regelmäßige Spielen des Spiels Delegation Poker sein. Ein weiterer Weg könnte sein, sich zu Beginn jede Woche 15 Minuten Zeit zu nehmen, um kurz die getroffenen Entscheidungen im Team zu besprechen. Was letztlich am Besten für diese Einstimmung funktioniert, muss jedes Team für sich entscheiden - zum Beispiel im Konsent oder mit der Widerstandsabfrage.